Argentinien an der WM 2026 — Kann Messi den Titel verteidigen?

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An einem Dezemberabend 2022 in Lusail stand Lionel Messi mit dem WM-Pokal in den Händen, und die Welt sah einem Mann zu, der sein Lebenswerk vollendet hatte. Dreieinhalb Jahre später stellt sich die Frage, die den gesamten argentinischen Fussball beschäftigt: Wird es einen letzten Tanz geben? Messi ist 38, seine Beine tragen ihn nicht mehr 90 Minuten durch ein Spiel auf WM-Niveau, und doch ist sein Name untrennbar mit der Albiceleste verbunden. Die WM 2026 in Nordamerika wird — egal ob Messi im Kader steht oder nicht — Argentiniens grösste Herausforderung seit dem Triumph in Katar, und die Fussballwelt schaut gebannt auf die Frage, ob diese Generation den Titel verteidigen kann. Denn einen Titel zu gewinnen ist schwer. Ihn zu verteidigen ist schwerer.
Als Wettanalyst beobachte ich Argentinien seit Jahren mit einer Mischung aus Bewunderung und analytischer Nüchternheit. Dieses Team hat unter Lionel Scaloni eine Konstanz erreicht, die in der Geschichte der Nationalmannschaft beispiellos ist: WM-Titel 2022, Copa América 2024, Finalissima-Sieg gegen Italien — eine Serie, die kein anderes Team auf dem Planeten in diesem Zeitraum vorweisen kann. Scaloni, der vor seiner Ernennung als unbekannter Assistenztrainer galt, hat ein System geschaffen, das auf klaren taktischen Prinzipien basiert und gleichzeitig die individuellen Stärken seiner Stars optimal nutzt. Argentinien an der WM 2026 ist nicht irgendein Favorit, sondern der Massstab, an dem sich alle anderen messen müssen. Und für uns in Liechtenstein hat Argentiniens Weg eine besondere Dimension: In Gruppe J treffen die Südamerikaner auf unsere Nachbarn Österreich — ein Duell, das wir mit doppeltem Interesse verfolgen werden.
Argentiniens Weg nach Nordamerika
Die südamerikanische WM-Qualifikation ist der härteste Weg zu einem Turnier, und selbst der Weltmeister bleibt davon nicht verschont. 18 Spieltage, zehn Mannschaften, jeder gegen jeden — wer hier besteht, ist für jedes Turnier gewappnet. Argentinien hat die Qualifikation als Erster abgeschlossen, mit einem Vorsprung von sechs Punkten auf den Zweiten, und das in einer Gruppe, die Brasilien, Uruguay, Kolumbien und Ecuador gleichzeitig enthielt.
Die Zahlen sind imposant: 36 Punkte aus 18 Spielen, 32 erzielte Tore bei nur 12 Gegentoren. Besonders die Defensivbilanz fällt auf — 0.67 Gegentore pro Spiel in der wohl stärksten Qualifikationsgruppe der Welt. Scalonis System basiert auf einer Viererkette, die seit der WM 2022 fast unverändert geblieben ist: Cristian Romero und Lisandro Martínez als Innenverteidiger-Paar bilden eine Mauer, die mit physischer Präsenz und taktischer Intelligenz gleichermassen überzeugt. Dahinter steht mit Emiliano Martínez ein Torhüter, dessen Fähigkeit, Elfmeter zu halten, allein schon einen Wettfaktor darstellt — bei der WM 2022 war „Dibu“ Martínez der entscheidende Mann im Finale.
Die südamerikanische Qualifikation ist ein Marathon, kein Sprint, und Argentinien hat diesen Marathon mit einer Souveränität absolviert, die beeindruckt. Kein anderes Team in der CONMEBOL-Zone gewann mehr Auswärtsspiele, kein anderes Team kassierte weniger Gegentore. Besonders bemerkenswert: In den sechs Spielen gegen die direkten Konkurrenten Brasilien, Uruguay und Kolumbien holte Argentinien 14 von 18 möglichen Punkten. Diese Bilanz gegen die Besten des Kontinents ist ein stärkerer Indikator für WM-Erfolg als jede Testspiel-Serie.
Was die Qualifikation auch gezeigt hat: Argentinien kann ohne Messi gewinnen. In den Spielen, in denen Messi fehlte oder nur eingewechselt wurde, gewann das Team vier von fünf Partien. Das ist kein Zufall, sondern ein Beleg dafür, dass Scaloni ein System aufgebaut hat, das nicht von einem einzelnen Spieler abhängt. Álvarez und Fernández haben die kreative Last übernommen, und die taktische Struktur ist so gefestigt, dass selbst der Ausfall des besten Spielers aller Zeiten das Mannschaftsgefüge nicht erschüttert. Die Ära nach Messi hat in der Qualifikation bereits begonnen — und sie sieht vielversprechend aus.
Kader und Schlüsselspieler — die Ära nach Messi?
Die Frage, ob Messi bei der WM 2026 dabei sein wird, dominiert jede Diskussion über den argentinischen Kader. Ich sage es offen: Für die Wettmärkte ist diese Frage weniger entscheidend, als die meisten denken. Messis Wert für Argentinien liegt 2026 nicht mehr in seinen Beinen, sondern in seiner Aura. Er ist der Spieler, vor dem sich Gegner fürchten, auch wenn er in der 70. Minute nicht mehr sprinten kann. Scaloni wird — falls Messi gesund ist — einen Weg finden, ihn einzusetzen: als Joker, als Halbzeiteinwechslung, als Mann für die letzten 20 Minuten, wenn der Gegner müde ist und Messis Genius noch immer den Unterschied macht.
Wichtiger als Messis Rolle ist die Qualität der Generation, die nach ihm kommt. Julián Álvarez hat sich bei Atlético Madrid zum komplettesten Stürmer der La Liga entwickelt — ein Spieler, der presst wie ein Mittelfeldspieler, Tore schiesst wie ein Neuner und Pässe spielt wie ein Zehner. Sein Expected-Goals-per-90-Wert in der laufenden Saison liegt bei 0.62, einer der höchsten unter allen Stürmern in den europäischen Top-5-Ligen. Neben ihm hat Lautaro Martínez bei Inter Milan in der laufenden Saison erneut über 20 Tore erzielt. Argentinien hat das Luxusproblem, zwei Weltklasse-Stürmer zu haben, die beide in der Startelf spielen wollen — und oft genug auch zusammen spielen, in einem System, das zwei Stürmer zulässt.
Im Mittelfeld hat Enzo Fernández die Rolle des Spielgestalters übernommen, die früher Messi gehörte. Fernández‘ Fähigkeit, lange Bälle über 40 Meter präzise in den Lauf eines Stürmers zu spielen, hat bei Chelsea zunächst gestockt, doch in der argentinischen Nationalmannschaft funktioniert sie reibungslos — ein Phänomen, das ich bei vielen Spielern beobachte, die im Nationalteam besser aufgehoben sind als im Klubfussball. In der Qualifikation lieferte Fernández durchschnittlich 3.2 Schlüsselpässe pro Spiel, der höchste Wert aller zentralen Mittelfeldspieler in der CONMEBOL-Zone. Rodrigo De Paul bleibt der Motor im Mittelfeld — ein Spieler, der zwischen den Linien agiert, Bälle gewinnt und das Tempo des Spiels diktiert. Seine Laufleistung von durchschnittlich 11.8 Kilometern pro Spiel macht ihn zum physisch aktivsten Mittelfeldspieler im argentinischen Kader. Alexis Mac Allister liefert von Liverpool aus die taktische Flexibilität, die Scaloni schätzt: Er kann als Sechser, als Achter oder als Zehner spielen und jede Position auf Weltklasseniveau ausfüllen. Das Mittelfeld-Trio Fernández-De Paul-Mac Allister ist in meiner Einschätzung das kompletteste der WM 2026 — und ein wesentlicher Grund, warum Argentiniens Titelchancen so hoch bewertet werden.
Die Verteidigung ist der am meisten unterschätzte Teil dieses Teams. Romero und Martínez als Innenverteidiger-Paar haben in 14 gemeinsamen Länderspielen nur neun Gegentore kassiert — ein Schnitt von 0.64 pro Spiel. Nahuel Molina und Nicolás Tagliafico besetzen die Aussenpositionen, und beide bringen Erfahrung aus europäischen Topligen mit. „Dibu“ Martínez im Tor ist ein Ereignis für sich: Seine Reflexe, seine Präsenz im Fünfmeterraum und seine psychologische Kriegsführung bei Elfmetern machen ihn zum wertvollsten Torhüter im Turnier. In den Wettmärkten wird Argentiniens defensive Stärke oft übersehen, weil die Offensive so viel Aufmerksamkeit zieht — ein Fehler, den aufmerksame Wettende ausnutzen können.
Gruppe J — Österreich als härtester Gegner?
Auf dem Papier hat Argentinien die leichteste der drei Favoritengruppen erwischt. Keine zweite grosse Fussballnation in der Gruppe, kein historischer Rivale, kein Team mit vergleichbarer Kaderdichte. Frankreich teilt sich die Gruppe mit Senegal und Norwegen, England muss gegen Kroatien bestehen — Argentinien hingegen hat in Gruppe J keinen Gegner, der in den letzten 20 Jahren ein WM-Halbfinale erreicht hat. Doch ich warne davor, Gruppe J zu unterschätzen — denn genau hier lauert die Gefahr, die Titelverteidiger bei Turnieren am häufigsten zu Fall bringt: Selbstüberschätzung und die Annahme, dass der Gruppensieg eine Formalität sei.
Österreich unter Ralf Rangnick ist der Gegner, der Argentinien am meisten Probleme bereiten kann. Das Gegenpressing der Österreicher ist genau die Spielweise, die Scalonis bevorzugten Ballbesitzstil stören kann. Wenn Argentinien versucht, den Ball von hinten aufzubauen, und Rangnicks Pressingfalle zuschnappt, entsteht genau die Art von Chaos, in der Baumgartner und Sabitzer gefährlich werden. Mein Modell gibt Argentinien eine 58-prozentige Siegwahrscheinlichkeit gegen Österreich — hoch, aber nicht erdrückend. Ein Unentschieden ist mit 22 Prozent sehr realistisch, und ein österreichischer Sieg mit 20 Prozent keineswegs ausgeschlossen.
Algerien bringt eine andere Art von Herausforderung mit. Schnelle, technisch versierte Spieler, die im Umschaltspiel gefährlich werden können, und eine defensive Organisation, die schwer zu knacken ist, wenn das Team tief steht. Die algerische Mannschaft hat sich in den letzten Jahren zu einer der stärksten afrikanischen Nationalmannschaften entwickelt und verfügt über Spieler aus den europäischen Top-5-Ligen. Argentinien wird gegen Algerien den Ball haben, viel Ballbesitz, viel Kontrolle — aber die Torgefahr aus dem Spiel heraus könnte begrenzt sein, weil Algerien in einer tiefen Formation verteidigen und auf Konter lauern wird. Für den „Unter 2.5 Tore“-Markt in diesem Spiel sehe ich Value bei Quoten über 2.00.
Jordanien als WM-Debütant wird den geringsten Widerstand leisten, aber auch hier gilt: In einem 48-Teams-Format mit drei Gruppenspielen kann sich kein Favorit ein Stolpern leisten. Jordanien hat nichts zu verlieren und wird gegen Argentinien mit einer Intensität auftreten, die man in Qualifikationsspielen gegen schwächere Gegner nie sieht. Die Geschichte des Fussballs ist voll von WM-Debütanten, die für eine Überraschung gesorgt haben — Costa Rica gegen Uruguay und Italien 2014, Island gegen Argentinien 2018 mit dem 1:1 in der Gruppenphase. Argentiniens Gruppensieg liegt bei einer Wahrscheinlichkeit von 72 Prozent, das Weiterkommen insgesamt bei 92 Prozent. Diese Zahlen machen Argentinien zum sichersten Gruppenkandidaten im gesamten Turnier nach Frankreich. Doch zwischen sicherem Weiterkommen und Gruppensieg liegt ein Bereich, in dem Value zu finden ist — und genau dort sollten analytisch orientierte Wettende ansetzen.
Argentinien bei Weltmeisterschaften — eine Erfolgsgeschichte
Zwei Sterne auf dem Trikot, bald vielleicht drei? Argentiniens WM-Geschichte ist eine der reichsten im Weltfussball. Der erste Titel 1978 im eigenen Land, umstritten wegen der politischen Umstände, aber sportlich eindrücklich mit Mario Kempes als Torjäger. Dann 1986 in Mexiko, das Turnier von Diego Maradona, mit dem Jahrhunderttor gegen England und dem Triumph im Finale gegen Deutschland. Und schliesslich 2022 in Katar, als Messi das vollendete, was Maradona begonnen hatte — in einem Finale, das als das grösste Fussballspiel des 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird.
Dazwischen lagen Jahrzehnte des Scheiterns, die in Argentinien tiefe Narben hinterlassen haben. Drei verlorene WM-Endspiele — 1990 gegen Deutschland, 2014 erneut gegen Deutschland — und unzählige Turniere, bei denen Argentinien als Favorit anreiste und enttäuscht abreiste. Die WM 2002 mit dem Vorrundenaus, die WM 2010 mit dem 0:4-Debakel gegen Deutschland im Viertelfinale unter Maradona als Trainer, die WM 2018 mit der demütigenden 0:3-Niederlage gegen Kroatien in der Gruppenphase — die Liste der argentinischen WM-Traumata ist lang. Die Copa-América-Siegesserie 2021 und 2024 sowie der WM-Titel 2022 haben diese Leidensgeschichte beendet, aber die Erinnerung daran ist in der argentinischen Fussballkultur tief verankert. Scalonis Team weiss: Der Weg vom Titelverteidiger zum Titelgewinner ist der schwierigste im Sport.
Historisch gesehen haben WM-Titelverteidiger eine durchwachsene Bilanz. Von den letzten sieben Titelverteidigern seit 1998 sind fünf bereits in der Gruppenphase oder im Achtelfinale ausgeschieden — Frankreich 2002, Italien 2010 und 2014, Spanien 2014, Deutschland 2018. Nur Brasilien 2006 (Viertelfinale) und Frankreich 2022 (Finale) kamen weiter als ins Achtelfinale. Dieser „Titelverteidiger-Fluch“ ist kein Aberglaube, sondern hat messbare Ursachen: erhöhter Druck, taktische Anpassung der Gegner, Motivationsprobleme nach dem erreichten Ziel. Für die Wettmärkte bedeutet das: Argentiniens Titelquote von 5.50 bis 7.00 ist fair, enthält aber bereits den Titelverteidiger-Abschlag. Wer darauf wettet, dass der Fluch auch 2026 zuschlägt, findet in der Quote „Argentinien scheidet vor dem Viertelfinale aus“ bei 2.80 bis 3.20 einen interessanten Markt.
Wettquoten — Argentinien als Titelverteidiger
Argentinien wird aktuell als zweit- oder drittgrösster Favorit auf den WM-Titel gehandelt, hinter Frankreich und auf Augenhöhe mit England. Die Weltmeister-Quoten liegen bei 5.50 bis 7.00 — eine Bandbreite, die den Unsicherheitsfaktor Messi widerspiegelt. Anbieter, die Messi als wahrscheinlichen Starter einschätzen, quotieren Argentinien bei 5.50. Anbieter, die von einer reduzierten Messi-Rolle ausgehen, liegen bei 7.00. Diese Differenz von 27 Prozent in der impliziten Wahrscheinlichkeit zeigt, wie stark ein einzelner Spieler den Markt bewegt — selbst wenn er 38 Jahre alt ist.
In den Gruppenwetten ist Argentinien erwartungsgemäss klarer Favorit. Gruppensieg: 1.40 bis 1.55. Weiterkommen: 1.08 bis 1.12. Gruppenphase überstehen und gleichzeitig Gruppenerster werden: Die kombinierte Wahrscheinlichkeit liegt bei 72 Prozent, was einer fairen Quote von 1.39 entspricht. Die angebotenen 1.40 bis 1.55 liegen also teils über dem fairen Wert — interessanterweise ist der Gruppensieg bei einigen Anbietern leicht überbewertet, was bedeutet: Wer gegen Argentiniens Gruppensieg wetten möchte (also auf Österreich oder Algerien als Gruppensieger), findet Value bei Quoten über 3.00. Besonders der Markt „Argentinien wird nicht Gruppenerster“ bei 2.30 bis 2.60 ist aus analytischer Sicht attraktiv: Mein Modell sieht eine 28-prozentige Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario, die faire Quote liegt bei 3.57. Die angebotenen 2.30 bis 2.60 enthalten also keinen Value für diesen Markt — ein gutes Beispiel dafür, dass nicht jeder intuitiv attraktive Markt auch tatsächlich Value bietet.
Der interessanteste Wettmarkt bei Argentinien ist der Torschützenmarkt. Álvarez als WM-Torschützenkönig liegt bei 11.00 bis 15.00 — eine Quote, die seinen aktuellen Leistungsstand nicht vollständig abbildet. In meinem Modell hat Álvarez eine 8-prozentige Wahrscheinlichkeit auf den Goldenen Schuh, was einer fairen Quote von 12.50 entspricht. Alles über 13.00 enthält Value. Lautaro Martínez liegt bei 15.00 bis 21.00 und bietet ebenfalls interessante Möglichkeiten, besonders wenn Argentinien bis ins Halbfinale oder Finale kommt und damit mehr Spiele hat als frühzeitig ausgeschiedene Teams. Ein Punkt, den viele Wettende übersehen: Die Torschützenkönig-Wette korreliert stark mit der Anzahl gespielter Spiele. Teams, die das Finale erreichen, spielen bis zu sieben Partien — doppelt so viele wie ein Gruppenphasen-Ausscheider. Argentiniens Favoritenrolle macht Álvarez und Martínez deshalb statistisch attraktiver als Stürmer vergleichbarer Qualität in schwächeren Teams.
Der Faktor X — Messis letzter Tanz?
Ich habe in meiner Karriere gelernt, dass es Spieler gibt, die sich jeder statistischen Erfassung entziehen. Messi ist der ultimative Beweis für diese These. Seine Zahlen bei Inter Miami — reduzierte Spielzeit, weniger Sprints, geringere Intensität — sprechen gegen einen WM-Einsatz auf höchstem Niveau. Aber Messi bei einer WM ist ein anderer Spieler als Messi in der MLS. Das hat er 2022 bewiesen, als er ein Turnier spielte, das jeden Zweifler verstummen liess. Sieben Tore, drei Assists, der Goldene Ball — mit 35 Jahren, in einem Turnier, zu dem er angeblich physisch nicht mehr in der Lage war. Wer Messi nach Statistiken beurteilt, versteht Messi nicht.
Für die Wettmärkte ist Messis Teilnahme ein Binärereignis: Ist er dabei, steigen Argentiniens Chancen um etwa 5 bis 8 Prozentpunkte in meinem Modell — nicht wegen seiner physischen Leistung, sondern wegen des psychologischen Effekts auf die Mannschaft und auf den Gegner. Teams, die gegen Messi spielen, verhalten sich anders: Sie widmen ihm Aufmerksamkeit, die anderen argentinischen Spielern Räume öffnet. Álvarez und Martínez profitieren von Messis Gravitation, auch wenn Messi selbst kaum in Ballkontakte kommt. Dieses Phänomen — ein Spieler, der durch seine blosse Präsenz den Gegner verzerrt — ist statistisch schwer zu erfassen, aber taktisch von enormer Bedeutung.
Sollte Messi nicht im Kader stehen, verliert Argentinien an Aura, nicht an Substanz. Scaloni hat in der Qualifikation bewiesen, dass das System auch ohne Messi funktioniert, und die Kaderdichte im Angriff — mit Spielern wie Ángel Di María, der ebenfalls vor seinem letzten Turnier stehen dürfte, Giovani Lo Celso und der nächsten Generation um Alejandro Garnacho und Thiago Almada — kompensiert die individuelle Genialität, die Messi einbringt. Garnacho bei Manchester United hat sich in der laufenden Saison zum Stammspieler entwickelt und bringt eine Explosivität mit, die dem argentinischen Angriff eine neue Dimension verleiht. Für Wettende empfehle ich, die Kaderbekanntgabe im Mai 2026 genau zu verfolgen und die Quoten sofort nach der Bekanntgabe zu prüfen: Wenn Messi nominiert wird, werden die Quoten fallen, und der optimale Einstiegspunkt liegt in der Stunde vor der Bekanntgabe.
Kann der Weltmeister den Titel halten — meine Einschätzung
Argentinien wird ins Halbfinale kommen. Das ist meine Basisprognose, und sie basiert auf drei Faktoren: der Kaderdichte, der taktischen Reife unter Scaloni und der Turniererfahrung eines Teams, das in den letzten vier Jahren vier grosse Titel gewonnen hat. Die Wahrscheinlichkeit für ein Halbfinale liegt in meinem Modell bei 38 Prozent — der höchste Wert aller WM-Teilnehmer nach Frankreich. Was Argentinien von anderen Favoriten unterscheidet, ist die Fähigkeit, Turnierspiele zu gewinnen. Nicht jedes Team, das über 90 Minuten dominant ist, gewinnt auch enge Spiele. Argentinien hat diese Kunst unter Scaloni perfektioniert: In den letzten 15 K.o.-Spielen bei grossen Turnieren gewann die Albiceleste 12 — eine Quote von 80 Prozent, die in der Geschichte des Fussballs ihresgleichen sucht.
Den Titel zu verteidigen halte ich für weniger wahrscheinlich, als der Markt suggeriert. Die Titelquote von 5.50 impliziert eine Wahrscheinlichkeit von 18 Prozent — mein Modell sieht Argentinien bei 14 Prozent. Die Differenz ergibt sich aus dem Titelverteidiger-Fluch, dem Alterungsprozess im Kader (Messi, Di María, Otamendi) und der Tatsache, dass die WM in Nordamerika stattfindet, wo Argentinien keinen Heimvorteil hat und die Reisedistanzen zwischen den Spielorten eine logistische Herausforderung darstellen. Die Zeitverschiebung ist ein weiterer Faktor: Argentinien liegt zwei bis fünf Stunden hinter den Spielorten, was die biologische Uhr der Spieler durcheinanderbringt. Trotzdem bleibt Argentinien einer der drei wahrscheinlichsten Weltmeister 2026 — das allein zeigt die Qualität dieses Teams.
Für Wettende aus Liechtenstein ist Argentinien ein Team, bei dem die Einzelspielwetten attraktiver sind als die Langzeitwetten. Die Gruppensieg-Quote ist fair bepreist, der Titelmarkt leicht überbewertet. Der grösste Value liegt in den Spezialwetten: Álvarez als Torschütze, „Über“-Märkte in den Gruppenspielen gegen Jordanien und Algerien, und — für die Mutigen — der Markt „Argentinien ohne Gegentor in der Gruppenphase“ bei einer Quote von 4.50. In der Qualifikation kassierte Scalonis Team nur 0.67 Gegentore pro Spiel, und in Gruppe J fehlt ein Gegner mit der offensiven Durchschlagskraft, um diese Abwehr regelmässig zu überwinden. Wer das Duell Argentinien gegen unsere Nachbarn Österreich verfolgt, erlebt nicht nur ein Fussballfest, sondern auch einen der spannendsten Wettmärkte des gesamten Turniers.